Allgemeine Zeitumstände der Praxiseröffnung von Dr. Josef Klenke in Warburg im Juli 1932

josefklenke001Als Dr. Josef Klenke im Sommer 1932 seine Zahnarztpraxis in der Warburger Hauptstrasse eröffnete, hatte er sich für den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit keinen sonderlich günstigen Zeitpunkt ausgesucht. Denn das Deutsche Reich wurde damals von einer außerordentlich schweren wirtschaftlichen und politischen Krise heimgesucht. Die Konjunkturdaten erreichten in diesen Monaten ihren Tiefpunkt. Mehr als 6 Millionen Arbeitslose lebten von einer extrem dürftigen Erwerbslosenunterstützung mit ihren Familienangehörigen, ohne dass eine durchgreifende Besserung in Sicht gewesen wäre. Auch die Löhne und Gehälter bewegten sich seit Jahren in einer Art Abwärtsspirale nach unten. Den öffentlichen Haushalten ging es nicht besser: Eine Kürzungswelle jagte die andere. Schlimmer noch als die reale Lage war die in allen Schichten verbreitete Verzweiflungsstimmung, die sich für extremistische ‚Heilslehren’ als Einfallstor erwies. Auf der politischen Rechten wie der Linken wurde die Lage systematisch dramatisiert, so als ob Deutschland am Abgrund stünde. Nationalsozialisten, Deutschnationale und Kommunisten legten es darauf an, die demokratische Nachkriegsrepublik regierungsunfähig zu machen und sich selber als diktatorische ‚Heilsbringer’ anzubieten. Obwohl man in einem katholischen Landstädtchen wie Warburg von der zugespitzten politischen Lage in direkter Anschauung kaum etwas mitbekam, konnte man über die Tagespresse sehr wohl mitverfolgen, wie ernst es um Deutschland bestellt war.

Während der Praxiseröffnung im Juli 1932 tobte ein erbitterter und blutiger Reichstagswahlkampf, in dem Nationalsozialisten, Deutschnationale und Kommunisten in aberwitzigen demagogischen Schlammschlachten den republikanischen Parteien die Verantwortung für die Krise anlasteten und sie als „nationale Verräter" bzw. als „Knechte des Großkapitals" diffamierten. Kurz zuvor hatten verantwortungslose rechtskonservative Adelskreise um Reichspräsident Paul von Hindenburg dafür gesorgt, dass mit Heinrich Brüning der letzte fähige und verdienstvolle Reichskanzler der Republik ohne Not gestürzt wurde, nur weil dieser sich auf die demokratischen Kräfte von den Sozialdemokraten über die Zentrumskatholiken bis hin zu den Liberalen stützte und einer gewünschten Zusammenarbeit der Deutschnationalen mit den Nationalsozialisten im Wege stand. Der Wahlkampf artete Mitte Juli teilweise in bürgerkriegsähnliche Exzesse aus, weil die neue adlige Reichsregierung unter Franz von Papen eine ‚stille Koalition’ mit der NSDAP anstrebte und als Gegenleistung für die Tolerierung durch Hitler das SA-Verbot hatte aufheben müssen. Daraufhin war die preußische Landesregierung – Warburg gehörte damals zu Preußen – mit den nationalsozialistischen Schlägertrupps nicht mehr fertig geworden und wurde daraufhin am 20. Juli von der rechtskonservativen Reichsregierung kurzerhand aus dem Amt gejagt, - angeblich weil sie sich als unfähig erwiesen hatte, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dieser als „Preußen-Staatsstreich" in die Geschichte eingegangene Gewaltakt stand als wenig verheißungsvolles ‚Menetekel’ über der Praxisgründung von Dr. Klenke. Denn mit der preußischen Staatsregierung verschwand die letzte republikanische Bastion: die Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten und Zentrumskatholiken. Hitler war damit ein halbes Jahr vor seinem Machtantritt der Weg zur Macht geebnet. Verantwortungslose nationalkonservative und adlige Kreise ließen sich von ihrer Abneigung gegen Sozialdemokraten und Zentrumskatholiken so sehr leiten, dass an eine Überwindung der schweren Wirtschaftskrise unter republikanischem Vorzeichen nicht mehr zu denken war, obwohl sich bereits im Herbst 1932 die Zeichen auf Besserung mehrten und Brüning sehr wohl verdient gehabt hätte, dass man ihm die Wende zum Besseren zugeschrieben hätte.

Lässt man die allgemeinen Zeitumstände im Monat der Praxisgründung von Josef Klenke Revue passieren, dann fällt der Blick auf schwerste politische Abirrungen. Nicht nur attackierten sich die politischen Extreme mit schwersten Schuldzuweisungen und brutalen Übergriffen, sondern alle politischen Lager machten Zugeständnisse an den Geist fanatischen Kämpfertums und mannhafter Drohgebärden, die den Tugenden des demokratischen Kompromisses den Lebensnerv raubten und die unverarbeiteten Gewalterfahrungen des I. Weltkrieges hochspülten.

So kam es, dass ein Zahnarzt, der 1932 in Warburg hoffnungsfroh eine Praxis eröffnete, die besten Jahre seines Berufslebens an der sog. „Heimatfront" in den Dienst des nationalsozialistischen Kriegsabenteuers stellen musste, das von vielen Deutschen irrigerweise als legitime Revanche für die Niederlage im I. Weltkrieges empfunden wurde. Der Blutzoll und die psychischen Folgen dieses grandiosen Irrtums hinterließen in fast jeder Familie und fast jedem Betrieb, auch jeder Arztpraxis, ihre Spuren.

Prof. Dr. Dietmar Klenke 

(Sohn des Praxisgründers)

Ordinarius für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Paderborn